Kielerin in Asien

Corona sorgte für Albtraum-Heimreise

schedule
2020-03-25 | 21:07 h
update
2020-03-25 | 21:14 h
person
KN
domain
Kieler Nachrichten
Wie viel Aufregung verträgt ein Mensch? Die Kielerin Svenja Nefen (40) wäre aufgrund der Corona-Pandemie fast in Asien steckengeblieben.
In allerletzter Minute schaffte sie es jedoch, einen der letzten Flüge über Bangkok zurück nach Deutschland zu nehmen.
Doch als sie nach fast 48 Stunden des Hoffens, Bangens, Diskutierens und Organisierens endlich am Montag wieder deutschen Boden betreten durfte, war sie sprachlos.
Auf dem Frankfurter Flughafen war von Hygienemaßnahmen nichts zu spüren.
Keinerlei Corona-Maßnahmen am Frankfurter Flughafen: Keinerlei Gesundheitschecks bei der Einreise, kein Sicherheitsabstand, keine Desinfektionsspender, keine Kontrollen.
Nichts.
„Ich muss die Situation hier in Deutschland erst einmal verstehen“, erzählt sie.
„Das, was ich im Internet verfolgt und gelesen habe, und das, was ich am Montagmorgen in Frankfurt erlebt habe, passt nicht zusammen.“ So ganz bekommt Svenja Nefen das Erlebte noch nicht sortiert.
Als sie am 10. März zusammen mit ihrer Freundin nach Myanmar, dem früheren Burma, aufbricht, ist von einer Pandemie noch nicht die Rede.
„Klar, wusste ich, was in China und Italien gerade passiert, aber die Dramatik und Entwicklung der Situation war zu dem Zeitpunkt noch nicht abzusehen.
Auch nach mehrmaliger Rücksprache mit Experten aus der Medizin und- Reisebranche“, erzählt sie.
Rückblick: Das Coronavirus Über Dubai fliegen die beiden Frauen nach Yangon, in eine der größten Städte von Myanmar.
Per Inlandsflug geht es dann in verschiedene Regionen des Landes, das zwischen Indien und Thailand liegt.
„Über E-Mails, Social-Media und die Kieler Nachrichten als E-Paper konnte ich dann verfolgen, wie Corona die Welt verändert“, erzählt Svenja Nefen, die beruflich als Sales-Leiterin bei den KN arbeitet.
„Die Stimmung war aus der Ferne allerdings schwierig einzuschätzen.
Wir fühlten uns sehr sicher.
Aber viele Hotels hatten inzwischen auffällig wenig Gäste.“ Kennen Sie schon die Post aus dem Newsroom? Den kostenfreien Newsletter der Kieler Nachrichten versenden wir Mo-Fr ab 17 Uhr.
Hier können Sie sich für unser Mailing anmelden.
Sie interessieren sich für Holstein Kiel? Dann melden Sie sich hier für den Newsletter " Holstein Kiel - Die Woche " kostenfrei an.
Versand: jeden Freitag, 11.30 Uhr.
Corona: Täglich verschärft sich die Lage: Fast täglich stehen sie im Austausch mit ihrem Reisebüro in Kiel und dem Reiseunternehmer in Süddeutschland.
Mit jedem Tag verschärfen sich allerdings auch die Maßnahmen in Myanmar.
Nach Inlandsflügen wird bei den Reisenden Fieber gemessen.
Fragebögen über den Reiseverlauf müssen ausgefüllt werden.
In den Hotels gibt es vorm Einchecken Medizintests.
Als die beiden Deutschen schließlich von möglichen Ausgangssperren in der Heimat lesen, von Sicherheitsabständen, Kurzarbeit und Umsatzeinbrüchen, entschließen sie sich, ihre Reise vorzeitig abzubrechen.
Ihr Reiseveranstalter rät ihnen, sich auf die sogenannte „Elefand“-Liste setzen zu lassen.
Eine Liste für Sonderflüge, mit denen die Bundesregierung deutsche Urlauber zurück in die Heimat holt.
„Das hat für uns auch das Reisebüro übernommen, da der Server für uns nicht erreichbar war“, sagt Svenja Nefen.
Emirates streicht sämtliche Flüge nach Europa: Eine Sicherheit für ein kurzfristiges Ticket nach Hause sei dies allerdings keinesfalls.
Übers Reisebüro bekommen sie schließlich einen regulären Rückflug für diesen Dienstag gebucht.
Doch Sonnabendnacht erfahren sie, dass die Fluggesellschaft Emirates alle Flüge nach Europa gestrichen hat.
Und nun? Nach etlichen Telefonaten, Mails und Nachrichten können Sie mit kontinuierlicher nächtlicher Hilfe durch den Veranstalter, das Reisebüro vor Ort in Myanmar und in Kiel einen Inlandsflug zurück nach Yangon buchen und von dort mit einer anderen Fluggesellschaft nach Bangkok.
Freund vom Corona-Krisenstab rät: „Ihr müsst da schnellstens raus!“: „Ein guter Freund meiner Freundin, der bei einer großen Reisegesellschaft in Hannover im Corona-Krisenstab arbeitet, schickte uns in der Nacht eine Nachricht: ,Ihr müsst da schnellstens raus und zumindest nach Bangkok.
Das Zeitfenster schließt in zwei Tagen - dann steht die Welt still.‘ - Ab da war uns spätestens klar, wie ernst die Lage ist“, erzählt die 40-Jährige.
„In Yangon mussten wir in ein Krankenhaus und uns eine medizinische Bestätigung besorgen, dass wir gesund sind“, erzählt Svenja Nefen.
Doch am Flugschalter ist plötzlich auch noch die Rede von einem Covid-19-Test, den alle gemacht haben müssen, und von dem Nachweis einer Krankenversicherung in Höhe von 100.000 Dollar.
„Völlig illusorisch“, sagt sie.
„Den Test gibt es in Myanmar, so wie von der thailändischen Fluggesellschaft gefordert, nicht, und die meisten Krankenversicherungen schließen eine Pandemie aus.“ In ihrer Verzweiflung kopiert sich Svenja Nefen alles auf ihrem Handy, was nach offiziellen Dokumenten mit Zahlen aussieht, sodass es wie eine Versicherungspolice wirkt.
Ihr Impfausweis muss als Covid-19-Test herhalten.
„Zum Glück waren die Mitarbeiter noch nicht richtig gebrieft“, sagt sie.
„Wir bekamen irgendwann tatsächlich unsere Tickets.“ Dankbar ist sie immer noch, dass in diesen schweren Stunden die von der burmesischen Agentur zur Seite gestellte Reiseleiterin nicht von ihrer Seite weicht und alles versucht.
„Selbst der Fahrer, der uns nur zum Krankenhaus fahren sollte, blieb und fieberte mit uns“, berichtet Svenja Nefen.
„Während der gute Freund in Deutschland an anderer Stelle an einem Plan B arbeitete - dem Landweg von Yangon nach Bangkok.“  In Bangkok will man sie nicht weiterreisen lassen: In Bangkok dann der nächste Schock.
„Wer Deutscher ist, kommt aus einem Hochrisikogebiet.
Auch hier wollte man uns nicht weiterreisen lassen“, sagt Svenja Nefen.
„Unsere gebuchten Plätze im Flieger wollte man anderweitig vergeben.“ Kurz vorm geplanten Abflug ergattern sie dann doch Tickets.
Aber nur, weil ihre deutsche Reiseagentur mehrere Mails mit der Unterschrift des Generalmanagers schickt.
Mit Herzklopfen sitzen die beiden Frauen schließlich im Flieger gen Heimat.
Chaos am Frankfurter Flughafen: Als sie am Montagmorgen in Frankfurt landen, rechnen sie damit, erst einmal in Quarantäne zu kommen.
„Doch am Flughafen wurde nichts überprüft oder getestet.
Niemand hat uns befragt.“ Stattdessen dichtes Gedränge an den Gepäckbändern und im Flughafengelände - ohne jeglichen Sicherheitsabstand.
Als am Montagmorgen die ersten Flieger auf dem Frankfurter Flughafen landen, herrschen tatsächlich noch wirre Zustände.
Bei keinem der Reisenden wird Fieber gemessen, die Menschen drängen sich in Pulks an den Gepäckbändern.
Flughafenbetreiber Fraport räumte ein, dass die Maßnahmen erst wenig später ergriffen wurden.
Inzwischen sei der Flughafen aber „auf Infektionskrankheiten sehr gut vorbereitet und erfüllt die Empfehlungen der zuständigen Gesundheitsbehörden“, so Sprecher Dieter Hulick.
Allerdings: Behördlich angeordnete Passagierkontrollen im Sinne von Gesundheitschecks werden nicht durchgeführt.
„Das müssen die Gesundheitsbehörden anordnen“, so Hulick.
Um für den nötigen Sicherheitsabstand zu sorgen, würden alle fünf Minuten Terminaldurchsagen gemacht, es gebe entsprechende Bodenmarkierungen, Hinweisschilder und Plakate.
Zudem werde versucht, die Passagiertransporte in Bussen zu reduzieren.
Sollten doch Busse zum Einsatz kommen müssen, werden diese nur zu einem Drittel besetzt.
Seit Dienstag versuche man gezielt, die Passagierströme zu entzerren, beispielsweise durch verzögerte Busankünfte.
Auch eine Doppelbelegung an den Gepäckbändern wird inzwischen vermieden.
„Das ist absolut paradox“, sagt die Reisende.
„Selbst im tiefsten Entwicklungsland wird überall Fieber gemessen.“ Völlig verwirrt geht es weiter Richtung Norddeutschland mit der Bahn, die einen kostenlosen Transport für solche Fälle angeboten hat.
Am Dienstag erfahren sie von der Reiseleitung in Myanmar, dass ab sofort kein Deutscher mehr aus dem Land gelassen wird.
Offiziell gibt die Regierung an diesem Tag auch bekannt, dass es nun die ersten beiden Corona-Fälle im Land gibt.
Svenja Nefen: „Wir sind so froh, dass wir alles in letzter Sekunde geschafft haben.“ Sie ist dankbar, dass ihre Reiseveranstalter ihr die gesamte Zeit zur Seite standen.
„Wir hoffen jetzt, dass die tollen Menschen in dem besonderen Land Myanmar die drohende gesundheitliche Katastrophe abwenden können, denn für so etwas ist dort niemand gerüstet.“ Die nächsten beiden Wochen werden die beiden Frauen in freiwilliger Quarantäne verbringen und von zu Hause aus arbeiten.
Lesen Sie auch: Corona-Liveblog: So ist die aktuelle Lage in Schleswig-Holstein Corona: Die wichtigsten Telefonnummern für Schleswig-Holstein Zahl der Corona-Toten in Schleswig-Holstein steigt auf 4 Experten raten: Hände waschen nach dem Bezahlen mit Bargeld Fragen und Antworten zum Kontaktverbot Corona: Polizei warnt vor miesen Maschen Regionale Kultur unterstützen - Teil 1: Jörg Jara auf der KN-Bühne Corona: Stolpe beklagt einen Toten - 90 Bewohner in Quarantäne Landesregierung: Nicht alle Zweitwohnungsbesitzer müssen abreisen Corona: Menschen strömen in die Baumärkte Corona: Kieler WG lebt in Quarantäne Kieler Helden liefern in der Corona-Krise Lebensmittel aus Kiel: Umzüge nur noch unter strikten Auflagen Diese Nachrichten machen Hoffnung Bildungsministerin Karin Prien will Abiprüfungen absagen Offener Brief an Karin Prien: Abiprüfungen müssen doch möglich sein So will die Polizei das Kontaktverbot überprüfen Keine Veranstaltungen, Zugangsbeschränkungen, kein Kino, uvm.: Das sieht der Erlass der Landesregierung vor Ämter und Behörden beschränken Zutritt für Besucher: Das müssen Sie wissen Forscher: Was hilft gegen die Angst vor einer Ansteckung? KN-Redakteure zeigen ihr Homeoffice Coronavirus: Kitas fünf Wochen geschlossen - Gebühren werden erstattet Betreuungsnot: Welche Rechte haben Arbeitnehmer? Wie gefährlich ist das Coronavirus? Experte im Interview Coronavirus: So können Sie Desinfektionsmittel selbst herstellen Coronavirus: Was passiert bei einer Quarantäne Coronavirus: Expertenrat empfiehlt Impfung gegen Pneumokokken Erste Grippe-Tote in Schleswig-Holstein Weitere Informationen zum Coronavirus erhalten Sie auf unserer Themenseite.
Weitere Nachrichten aus Kiel finden Sie hier. 
Impressum
Verantwortlich für den Inhalt:
www.kn-online.de
Datenschutz & Nutzungsbedingungen:
amp-cloud.de/datenschutz
Mobile Seite per AMP Plugin:
www.amp-cloud.de
Letztes AMPHTML-Update:
25.03.2020 - 23:05:42
Daten- & Cookie-Nutzung: